Prof. Dr. Ludger Hoffmann

Alltagssprache

 

1. Definition

Alltagssprache ist die Sprache, die in Diskursen der alltäglichen Lebenspraxis gesprochen und zur unproblematischen Verständigung bei geteiltem Hintergrundwissen jederzeit verwendet werden kann. Sie wird von Kindern als erste oder weitere Sprache durch spezifische Lehr-Lerndiskurse, durch Input/Rezeption und Resonanz des eigenen Sprechens erworben und institutionell ausgebaut. Alltagssprache ist charakteristisch für den Umgang mit vertrauten Personen. Regionale oder soziale Besonderheiten (Jugend; Region, Stadt) bilden Varietäten der Alltagssprache. Die Spannbreite reicht vom „homliëischen Diskurs“ (Ehlich & Rehbein, 1980, S. 343), der ohne institutionelle Zwecksetzungen die gemeinsame kommunikative Welt stabilisiert und in dem Erfahrungen (oft erzählend) ausgetauscht werden, bis zum institutionellen Diskurs, der in gesellschaftlich zweckbestimmten Bereichen wie Wissenschaft, Medizin, Gericht und Schule stattfindet und unterschiedliche Gesprächsrollen, asymmetrischen Sprecher(innen)wechsel, ungleiche Wissensbestände sowie spezifische Prägungen von Handlungsmustern beinhaltet. In Institutionen können homliëische Ge-spräche eingelagert sein (Pausengespräche etc.). Der Austausch in Institutionen kann sich hochspezialisierter Formen, die Außenstehenden oft nicht verständlich sind (Fachsprache, Wissenschaftssprache) oder fachlich geprägter Alltagssprache („alltägliche Wissenschaftssprache“, Ehlich, 1999; Glück & Rödel, 2016, Laborsprache) bedienen. Schulisches Orientierungswissen kennzeichnet die schriftorientierte „Bildungssprache“ (Habermas, 1977). In den einschlägigen Institutionen bedient sich die Kommunikation basal der Alltagssprache. Fachsprachliche Redeweisen haben nicht den Anspruch, allgemein verständlich zu sein; sie dienen dem Austausch unter Fachangehörigen und reichern die Alltagssprache mit speziellen Bezeichnungen an. Auch die Wissenschaftssprache hat spezifische Wendungen, definierte Terminologien, formale Sprachen, Formeln. Sie zeigt die Suche nach Erkenntnis und die Streit- und Argumentationskultur der Wissenschaften.

Das genaue Verhältnis von Alltagssprache und Fachsprache ist für jede Institution zu klären, die Klient(inn)enorientierung führt dazu, dass Erziehungsinstitutionen stark alltagssprachlich geprägt sind. Die Alltagssprache ist von der Standardsprache zu un-terscheiden, die – vor allem in der Schrift – stärker normiert und expliziter formuliert ist. Grammatische Beschreibungen beziehen sich meist nur auf die Stan-dardsprache und blenden informelle oder mündliche Gebräuche der Alltagssprache aus. Sie wirken implizit normierend. Wissenschaftlich stellt die Untersuchung der Alltagssprache vor Zugangsprobleme, denn sie ist gerade auch in ihrer mündlichen Ausprägung zu untersuchen. Aufnahmen bedürfen juristisch wie ethisch der Einwilligung der teilnehmenden Personen. Dabei kann ein starker Beobachter(innen)effekteintreten: Menschen reden anders, formeller, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden. Die Aufnahmen bedürfen sorgfältiger (computergestützter) Transkription nach Standardverfahren (HIAT, GAT). In der Analyse sind die grammatischen Be-sonderheiten von Gesprächen zu berücksichtigen.

Im englischen Sprachraum spielt die everyday language in der Philosophie und in der Ethnomethodologie eine Rolle. Die „Philosophie der normalen Sprache“, wie sie auch genannt wird, ist eine auf Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ (2001) sowie Ryle und Austin zurückgehende Orientierung, die im Gegensatz zur Philosophie der „idealen Sprache“ (Frege, Russell, Wittgenstein „Tractatus“ 1989, Carnap, Tarski) steht. Im Zentrum der Philosophie der idealen Sprache steht die aristotelische wahrheitsfunktionale Semantik (Wie sieht die Welt aus, wenn der Satz S wahr ist?): Sätze zeigen die logische Form der Wirklichkeit, die Philosophie mar-kiert die Grenzen des Sagbaren. Wittgenstein verhält sich in den „Philosophische[n]Untersuchungen“ kritisch zu der Position, dass Sprache nur dazu diene, über die Welt zu reden, Wörter Gegenstände bezeichneten und eine geeignete Logiksprache die philosophischen Probleme klären könnte. Vielmehr sei die Alltagssprache gekennzeichnet durch eine Fülle von „Sprachspielen“ (Befehle, Bitten, Dank etc.), denen eine gemeinsame Praxis als „Lebensform“ zugrunde liege, sie sei unhintergehbar. Die von Garfinkel (1967) begründete Ethnomethodologie zielt auf Alltagswissen und alltägliche Sinnkonstitution in der Interaktion.Die literarische Sprache überschreitet die Alltagssprache. Zwar verfügt sie über die-selben grammatischen Grundstrukturen, aber sie nutzt die sprachlichen Mittel in eigener Weise. Poetische Qualität kommt situationsentbundenen Texten zu, die nicht alltäglich sind, sondern in besonderer Weise gemacht. Sie habeneine Form, die über die bloße alltägliche Verstehbarkeit hinaus einen interpretatorischen Mehrwert liefert. Zum Kunstwerk wird ein Werk durch seine sprachliche Form (ungewöhnliche Ausdrucksbildungen, Rhythmen, Reime, Tropen etc.).

2. Forschungsdiskussion

Die Forschung zur Alltagssprache ist nicht besonders weit entwickelt. Dass der Begriff umstritten ist, zeigt die Tatsache, dass er in dem „Lexikon der Sprachwissen-schaft“ von Bußmann (2008) nicht erscheint; der Artikel „Umgangssprache“ bietet neben der Lesart ‚Varietät zwischen Standardsprache und Dialekt‘ eine zweite als Stilebene informellprivater Kommunikation (vgl. „colloquial speech“) an. Im „Metzler Lexikon Sprache“ von Glück & Rödel (2016) wird die Alltagssprache als „alltäglicher Bereich der Standardsprache“ und als sozialstabilisierend gefasst. Was aber ist Alltag und was der nichtalltägliche Bereich des Standard? Einleuchtender wäre es, den Gegensatz bei Standard- versus Umgangssprache zu sehen. Zur Alltagssprache gehören damit stärker normativ geprägte Varietäten wie auch informelle, die auf einer Skala anzuordnen sind (vertikale und horizontale Dimension). Auer (20112) und Lanwer (2015) verankern die Alltagssprache ethnomethodologisch in der sozialen Interaktion als hervorgebrachte Weltkonstruktion.

Literatur

Auer, P. (20112). Phonologie der Alltagssprache. Berlin & Boston: De Gruyter.Bußmann, H. (Hrsg.). (20084). Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart: Kröner.

Ehlich, K. (1995). Die Lehre der deutschen Wissenschaftssprache: sprachliche Struk-turen, didaktische Desiderate. In H.L. Kretzenbacher & H. Weinrich (Hrsg.), Lin-guistik der Wissenschaftssprache (S. 235–351). Berlin & New York: De Gruyter.

Ehlich, K. (1999). Alltägliche Wissenschaftssprache. InInfo DaF 26, 1, S. 3–24.

Ehlich, K. & Rehbein, J. (19802). Sprache in Institutionen. In H.-P. Althaus, H. Henne & H.E. Wiegand (Hrsg.), Lexikon der Germanistischen Linguistik (S. 228–245 ). Tübingen: Niemeyer.

Garfinkel, H. (1967). Studies of Ethnomethodology. Oxford: Politiy Press.

Glück, H. & Rödel, M. (Hrsg). (20165). Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart: Metzler.

Habermas, J. (1977). Umgangssprache, Wissenschaftssprache, Bildungssprache. InJahrbuch der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften(S. 36–51). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Lanwer, J.P. (2015).Regionale Alltagssprache: Berlin & Boston: De Gruyter.

Moll, M. & Thielmann, W. (2017).Wissenschaftliches Deutsch. Konstanz: UVK/UTB. Wittgenstein, L. (1989).Logisch-philosophische Abhandlungen. Tractatus logico-philosophicus. Kritische Edition. Frankfurt: Suhrkamp.

Wittgenstein, L. (2001).Philosophische Untersuchungen. Kritisch-genetische Edition.Frankfurt: Suhrkamp.