Claudia Maria Riehl (2019)

Code-Mixing

 

1. Definition des Begriffs

Unter Code-Mixing versteht man das Mischen von zwei oder mehr Sprachen oder Varietäten in einer sprachlichen Interaktion. Häufig wird der Begriff ‚Code-Mixing‘ im Sinne von Code-Switching gebraucht, v.a. in Studien, die sich mit grammatischen Aspekten von Sprache beschäftigen. Im Bereich der Soziolinguistik, der Spracherwerbsforschung und Bildungsforschung wird dagegen zwischen diesen beiden Begriffen unterschieden. Im Allgemeinen umfasst der Begriff ‚Code-Mixing‘ eher formale Aspekte, während ‚Code-Switching‘ vor allem den Performanzaspekt betont.
Eine weitgefasste Definition von Code-Mixing findet sich bei Muysken (2000), der darunter ein übergreifendes Phänomen in der bilingualen Rede versteht. Er verwendet den Begriff ‚Code-Mixing‘ für alle Fälle, in denen lexikalische Einheiten und grammatische Strukturen aus zwei verschiedenen Sprachen in einem Satz vorkommen. Dabei unterscheidet Muysken (2000) zwischen Insertion (Einheiten aus einer anderen Sprache werden in eine Basissprache eingebettet), Alternation (ein Satz beginnt in einer Sprache und endet in der anderen) und kongruenter Lexikalisierung (die beiden Sprachen haben dieselbe grammatische Struktur, aber benutzen Material aus dem Lexikon der anderen Sprache). Der Wechsel zwischen den Sprachen in der Rede Mehrsprachiger ist allerdings so vielfältig, dass man nicht immer genau entscheiden kann, um welches Phänomen es sich im Einzelnen handelt. Denn in der mehrsprachigen Rede kommt der Sprachwechsel bei einzelnen Wörtern bzw. Wortstämmen zusammen mit dem Sprachwechsel von längeren Einheiten meist gemeinsam vor (vgl. Riehl, 2018, S. 46).

2. Darstellung der Forschungsdiskussion

In der Soziolinguistik wird der Terminus ‚Code-Mixing‘ in Abgrenzung zum Begriff ‚Code-Switching‘ verwendet, um Situationen zu beschreiben, in denen mehrere Sprachen ohne pragmatische Funktion gemischt werden. Dabei handelt es sich oft um etablierte Formen von Mischsprachen (s.u.).
In der Spracherwerbsforschung wird der Begriff gebraucht, um ein Entwicklungsstadium zu beschreiben, in dem Kinder, die mit zwei (oder mehr) Sprachen gleichzeitig aufwachsen, die beiden Sprachen mischen, weil ihnen noch nicht alle Übersetzungsäquivalente in der anderen Sprache zur Verfügung stehen. Allerdings ist der Typ von Sprachmischung durchaus abhängig vom Kontext, der kognitiven Anforderung und dem/der jeweiligen Gesprächspartner(in) (vgl. Riehl, 2018, S. 47). In der Psycholinguistik dagegen wird Code-Mixing unter dem Aspekt der mentalen Repräsentation von Sprachen betrachtet (vgl. Riehl, 2014, S. 103ff.). Dabei wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass ein mehrsprachiger Mensch nicht aus zwei einsprachigen zusammengesetzt ist und seine Sprachkompetenzen nicht mit der Kompetenz eines monolingualen Sprechers bzw. einer monolingualen Sprecherinverglichen werden dürfen ( vgl. Grosjean, 2008).
In Sprachgemeinschaften, in denen das Wechseln zwischen zwei oder mehr Sprachen zum Alltag gehört, werden Wörter oder Phrasen aus beiden Sprachen ständig nebeneinander verwendet. Im Gegensatz zu Code-Switching, wo diese Wechsel von einer Sprache in die andere häufig eine bestimmte Funktion und Bedeutung haben, hat die Sprachmischung an der Stelle, an der sie auftritt, keine bestimmte Funktion, sondern ist Teil einer allgemeinen Alltagspraxis mehrsprachigen Sprechens. In bestimmten Fällen kann es dazu kommen, dass Formen grammatikalisiert werden und sog. Mischsprachen entstehen. Dabei kann die Grammatik aus der einen und das Lexikon aus der anderen Sprache stammen. Ein klassisches Beispiel dafür ist Media Lengua, eine Sprache, die in einigen kleinen Städten und Dörfern im Hochland von Ecuador gesprochen wird.
Auch in Migrationskontexten bilden sich bestimmte Mischvarietäten heraus. So lernen etwa Kinder der dritten Einwanderergeneration von ihren Eltern und im jeweiligen Umfeld, wo diese Form der Sprachverwendung eine gängige Praxis ist, eine bestimmte Mischsprache. Dies zeigt, dass Code-Mixing zu den selbstverständlichen Routinen von mehrsprachigen Sprecher(inne)n gehört und auch an die nächste Generation weitergegeben wird (vgl. Keim, 2012, S. 165ff. mit Beispielen aus dem Deutschtürkischen).
Diese Mischvarietät kann aber auch eine Identitätsfunktion haben und den sog. wecode beschreiben (vgl. ArtikelCode-Switching). So bezeichnen etwa türkischsprachige Jugendliche ihre S prachform als „Kanakensprache“, die sich dadurch auszeichne, dass „man schon zwei, drei Sätze zusammen bildet auf Türkisch plus zwei, drei Sätze auf Deutsch“ (vgl. Keim, 2012, S. 172). Neben den typischen Mischsprachen einzelner Migrant(inn)engruppen haben sich in vielen deutschen und europäischen Großstädten Varietäten der Landessprache herausgebildet, die Merkmale aufweisen, die einer bestimmten ethnischen Gruppe zugeschrieben werden. Diese werden alsEthnolekte bezeichnet. Darunter versteht man sprachliche Varietäten, die den/dieSprecher(in) als Angehörige(n) einer ethnischen Gruppe kennzeichnen. Ethnolekte werden in der Regel von der zweiten und dritten Generation von Migrant(inn)en gesprochen und basieren auf regionalen Umgangssprachen. Sie zeigen aber gleichzeitigauf allen Ebenen der Sprache Unterschiede zu den jeweiligen regionalen Umgangssprachen, indem sie Wörter, Aussprachegewohnheiten und auch grammatische Besonderheiten von Migrant(inn)ensprachen übernehmen. Ein Beispiel aus dem Deutschen ist das sog. Kiezdeutsch, eine Sprachform, die von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte verwendet wird und v.a. Elemente des Türkischen und Arabischen integriert (vgl. Riehl, 2014, S. 116ff.).

Literatur

Auer, P. (2016). Language mixing and language fusion: When bilingual talk becomes monolingual. In J. Besters-Dilger, C. Dermarkar, S. Pfänder & A. Rabus ( eds.), Congruence in Contact-Induced Language Change(S. 294–336). Berlin: De Gruyter.
Grosjean, F. (2008).Studying Bilinguals. Oxford: Oxford University Press.Keim, I. (2012).Mehrsprachige Lebenswelten: Sprechen und Schreiben der türkischstämmigen Kinder und Jugendlichen. Tübingen: Narr.
Riehl, C.M. (2014).Mehrsprachigkeit. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Riehl, C.M. (2018). Mehrsprachigkeit in der Familie und im Lebensalltag. In A.-K. Harr, M. Liedke & C.M. Riehl, Deutsch als Zweitsprache. Migration – Spracherwerb – Unterricht(S.27–60). Stuttgart: Metzler.

LMU-Logo