Prof. Dr. Claudia Maria Riehl (2019)

Code-Switching

1. Definition des Begriffs

Ein typisches Merkmal mehrsprachiger Sprecher(innen) ist es, dass sie in Gesprächen untereinander innerhalb des Gesprächs und manchmal sogar innerhalb eines Satzes die Sprache wechseln. In diesem Fall spricht man von ‚Code-Switching‘. Darunterversteht man den Wechsel zwischen zwei (oder mehr) Sprachen oder Varietäten innerhalb ein und derselben kommunikativen Interaktion. Der Wechsel kann sowohl einzelne Lexeme als auch einen ganzen Diskursabschnitt betreffen.
In der Forschung wird Code-Switching aus unterschiedlichen Perspektiven untersucht, z.B. als Diskursstrategie (vgl. Auer & Eastman, 2010) oder als psycholinguistisches Phänomen (vgl. Clyne, 2003). Darüber hinaus wird auch analysiert, welche grammatischen Beschränkungen es für den Wechsel zwischen zwei Sprachen im Satz gibt (vgl. Müller, 2017).

2. Darstellung der Forschungsdiskussion

Die Forschung über die Funktion von Code-Switching im Diskurs geht vor allem auf die Arbeiten des amerikanischen Soziolinguisten und Anthropologen John Gumperz zurück. Code-Switching hat nach seiner Definition eine Kontextualisierungsfunktion und ist ein wichtiger Teil sprachlichen Handelns. Es ist damit ein wesentlicher Teil des mehrsprachigen Sprechens, da dabei das gesamte Sprachenrepertoire eines bzw. einer Sprechenden genutzt wird. Daneben gibt es rein durch die Situation bedingte Gründe, die ebenfalls Code-Switching auslösen können. Man unterscheidet daher zwischen situativem und konversationellem Code-Switching (vgl. Auer & Eastman, 2010, S. 95ff.).
Beim situativen Code-Switching ändert sich die Sprache als Folge einer neuen Situation. So wechselt man etwa die Sprache, wenn eine andere Person adressiert wird, mit der man normalerweise eine andere Sprache spricht. In anderen Fällen ist auch das Thema ausschlaggebend: Gerade Kinder und Jugendliche wechseln häufig in ihre Schulsprache, wenn sie sich über Schulfächer unterhalten, weil diese in der Regel nur in dieser Sprache vorkommen. Bisweilen spielt auch der Typ der Interaktion eine Rolle: Man kann mit ein und derselben Person für ein privates Gespräch die eine Sprache wählen, beim Wechsel in eine geschäftliche Interaktion aber in die andere Sprache übergehen. Auch ein Wechsel der Örtlichkeit kann Sprachwechsel bewirken: Bei vielen Sprachminderheiten sprechen die Sprecher(innen) zu Hause ihre Minderheitensprache und wechseln in die andere Sprache, wenn sie in einen öffentlichen Raum treten.
In einer mehrsprachigen Gemeinschaft kann aber auch bei gleichbleibender Situation Code-Switching auftreten. Das wird in der Regel als ‚konversationelles Code-Switching‘ bezeichnet, hat meist diskursstrategische Gründe und erzielt einen kommunikativen Effekt. In diesem Fall setzen Sprecher(innen) den Sprachwechsel alssog. Kontextualisierungshinweis (contextualisation cue) ein, d.h. ein Signal, das einen Wechsel des Gesprächskontextes ankündigt. Häufig wird diese Strategie angewandt, um ein wörtliches Zitat auf diese Weise zu markieren. Sprecher(innen) wechseln aber auch die Sprache, wenn sie eine persönliche Einstellung oder Bewertung zum Ausdruck bringen wollen. Auch metakommunikative Äußerungen, d.h. Äußerungen über Sprache (z.B. wie heißt x auf Deutsch?), werden oft durch Code-Switching in die andere Sprache kontextualisiert (vgl. Riehl, 2014, S. 101f.).
Viele Untersuchungen gehen davon aus, dass Code-Switching zwischen zwei Sprachen einem Wechsel zwischen einem we code und einem they code gleichkommt und dass daher beim Code-Switching verschiedene soziale Identitäten der Sprecher(innen) aktiviert werden (vgl. Riehl, 2014, S. 81ff.).
Darüber hinaus gibt es Formen von Code-Switching, die keine kommunikative Funktion haben, sondern auf interne Prozesse der Sprachproduktion zurückzuführen sind.Hier geschieht der Wechsel von der einen in die andere Sprache ohne Absicht desoder der Sprechenden und wird in der Regel durch bestimmte Auslösewörter (triggerwords) hervorgerufen (vgl. Clyne, 2003, S. 162ff.). Dies sind in beiden Sprachen identische oder ähnlich klingende Wörter, z.B. Eigennamen, die in beiden Sprachen vorkommen, konventionalisierte Lehnwörter aus der Umgebungssprache oder aber etymologisch miteinander verwandte Wörter in beiden Sprachen ( dazu auch Riehl, 2014, S. 29f.). Die Auslösewörter erleichtern den Übergang von einer Sprache in die andere, weil sie in beiden Sprachsystemen vorhanden sind.
In der Forschung wird viel darüber diskutiert, ob man nur dann von Code-Switching sprechen kann, wenn es sich bei der anderssprachigen Äußerungskomponente um eine ganze Phrase oder einen Teilsatz handelt, oder auch schon dann, wenn nur ein Wort aus der anderen Sprache kommt. Viele Forscher(innen) (z.B. Myers-Scotton, 2002) zählen auch solche Fälle zum Code-Switching, vorausgesetzt dass das aus der anderen Sprache eingesetzte Wort spontan geäußert wird und nicht schon ein fester Bestandteil des Lexikons in der Varietät dieser Sprachgemeinschaft ist. Andere sprechen hier von AdhocEntlehnung oder Ad-hoc-Übernahme (Riehl, 2014, S. 105f.), d.h. einer Form von Entlehnung. Der Unterschied zwischen solchen Ad-hoc-Entlehnungen und ‚echten‘ Entlehnungen liegt lediglich darin, dass die kodifizierten Lehnwörter eben häufiger vorkommen. Dies ist aber ein soziolinguistisches Phänomen und kein systemlinguistisches.
Neben der Diskussion um die Länge der Einheiten, der Funktionen und Bedingungen des Code-Switchings gibt es verschiedene Sichtweisen auf die Struktur oder die Prinzipien von Code-Switching: Eine Reihe von Arbeiten beschäftigt sich daher mit der grammatischen Seite von Code-Switching. In ihnen wird versucht, festzulegen, an welcher Stelle im Satz oder innerhalb einer Phrase man von einer Sprache in die andere wechseln kann (vgl. Myers-Scotton, 2002).

Literatur

Auer, P. & Eastman, C.M. (2010). Code-switching. In J. Jaspers, J.-O. Östman, & J. Verschueren (eds.), Society and Language Use(S.84–112). Amsterdam & Philadelphia: Benjamins.
Clyne, M. (2003).Dynamics of Language Contact. English and Immigrant Languages. Cambridge et al.: Cambridge University Press.
Müller, N. (2017).Code-Switching. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Myers-Scotton, C. (2002).Contact Linguistics. Bilingual Encounters and Grammatical Outcomes. Oxford & New York: Oxford University Press.
Riehl, C.M. (2014). Mehrsprachigkeit. Eine Einführung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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