Tanja Tajmel (2019)

Das Konkretisierungsraster

 

1. Definition des Begriffs

Das Konkretisierungsraster ist das zentrale Mittel einer Methode (Konkretisierung sprachlicher Lehr- und Lernziele), mit welcher Aufgabenstellungen hinsichtlich der erforderlichen sprachlichen Mittel auf Wort-, Satz- und Textebene systematisch analysiert werden. Das Konkretisierungsraster kann in allen Fächern und auf alle Aufgaben angewandt werden, die einen sprachlichen Operator beinhalten. Die Arbeit mit dem Raster erfolgt nach einer bestimmten Vorgehensweise. Das Ziel der Analyse von Aufgaben mit dem Konkretisierungsraster ist die Identifikation und konkrete Nennung von Nomen, Verben, Adjektiven, Präpositionen sowie sprachlichen Strukturen (z.B. Aktiv-Passiv, Kausalsätze, Konditionalsätze, Komparation), die für die Bewältigung dieser Aufgabe notwendig sind. Die methodische Vorgehensweise beinhaltet eine Analyse entlang von vier Leitfragen:

1.Wie lautet die Aufgabenstellung?
2.Welchen Operator beinhaltet die Aufgabe?
3.Wie lautet der wörtlich ausformulierte Erwartungshorizont?
4.Welche fach-, bildungs- und allgemeinsprachlichen Mittel auf Wort-, Satz- und Textebene beinhaltet dieser Erwartungshorizont?

2. Darstellung der Forschungsdiskussion

Gerahmt wird das Konkretisierungsraster im Wesentlichen durch Theorien und Forschungen zu Sprachbewusstheit (Language Awareness), Register und Sprachhandlungen/Operatoren. Die Konzeption und Bedeutung des Konkretisierungsrasters gründet sich in der Annahme, dass Sprachhandeln und sprachliche Handlungsfähigkeit in mündlicher wie auch in schriftlicher Form einen wesentlichen Teil eines jeden Unterrichts darstellen. Ausgehend davon, dass jeder Unterricht situativ unterschiedliche Register erfordert, sind je nach Unterrichtssituation auch unterschiedliche sprachliche Mittel relevant. Aufgabenstellungen können unter Zuhilfenahme sprachlicher Operatoren, wie z.B. beschreiben, erklären, begründen, vergleichen u. a., eine Stimulierung und Steuerung des sprachlichen Handelns der Schüler(innen) ermöglichen und somit zur Ausbildung allgemein-, bildungs- und fachsprachlicher Kompetenzen beitragen. An diese Aufgabenstellungen knüpft das Konkretisierungsraster an.
Das Konkretisierungsraster dient der Erhöhung der Sprachbewusstheit von Lehrkräften. Zu Sprachbewusstheit zählen einerseits linguistisches Wissen und Registerwissen, anderseits aber auch – in einem erweiterten kritischen Sinne der Sprachbewusstheit („kritische Sprachbewusstheit“) – das Wissen über die Reproduktion von Machtverhältnissen durch Sprache und über das Selektions- und Exklusionspotenzial von Sprache. Mit dem Konkretisierungsraster wird allen voran die kognitivlinguistische Komponente der Sprachbewusstheit von Lehrenden angesprochen und aktiviert. Dazu zählt, dass sich Lehrkräfte der Sprache des Unterrichts bewusst sind und diesbezüglich auch über linguistisches Wissen verfügen. Beispiel: Wenn eine Lehrkraft weiß, dass eine Aufgabenstellung, die sie den Schüler(inne)n stellt, eine Passivstruktur sowie zwei Nominalisierungen beinhaltet, dann verfügt diese Lehrkraft über linguistisches Wissen.Neben linguistischer Reflexion bietet die Arbeit mit dem Raster die Möglichkeit der Reflexion und Planung auf methodisch-didaktischer Ebene. So kann das Konkretisierungsraster darüber Aufschluss geben, welche Wörter im Zusammenhang mit einem bestimmten Unterrichtsthema gelernt werden müssen und daran anknüpfend kann überlegt werden, wie diese Wörter didaktisch vermittelt werden können. Eine weitereMöglichkeit der Reflexion ergibt sich hinsichtlich der eigenen Erwartungen als Lehrkraft. Durch das Konkretisierungsraster werden eigene Erwartungen an die sprachlichen Leistungen der Schüler(innen) transparent und somit einer Reflexion zugänglich gemacht. So kann beispielsweise das Selektionspotential der sprachlichen Erwartungen einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Ist etwa eine Aufgabenstellung derart sprachlich komplex formuliert, dass weder die Aufgabe selbst noch die durch die Aufgabe stimulierte Sprachhandlung für einige Schüler(innen) bewältigbar ist, dann hat diese Aufgabe ein hohes Selektionspotential und die Lehrkraft wird auf Basis ihres linguistischen Wissens versuchen, die Aufgabe entsprechend umzuformulieren.Eine spezifische Relevanz des Konkretisierungsrasters für den Sach-/Fachunterrichtergibt sich daraus, dass s prachliche Anforderungen des Fachunterrichts zwar in den fachlichen Standards und Zielvorgaben impliziert sind, Sach-/ Fachlehrkräfte aber häufig nicht über eine entsprechende linguistische und sprachdidaktische Ausbildung verfügen, um diese Vorgaben auch in die Praxis umsetzen zu können. Dies resultiert darin, dass zwar Fachwörter, also jene Lexik, die eindeutig fachspezifisch ist, im Unterricht expliziert und thematisiert werden, allgemein- und bildungssprachliche Mittel jedoch nicht als relevant erkannt bzw. in ihrer Bedeutung übersehen werden. Insbesondere im Kontext durchgängiger Sprachbildung und im Unterricht von Schüler(inne)n, die Deutsch als Zweitsprache lernen, ist es wesentlich, neben fachsprachlichen auch allgemein- und bildungssprachliche Mittel im Unterricht zu klären und zu fördern, da auch diese notwendig sind, um zu einem fachlichen Inhalt in präziser Weise sprachlich handeln zu können. In Hinblick auf fachunterrichtsbezogene sprachdidaktische Maßnahmen wird aus sprach- und DaZ-didaktischer Perspektive daher eine genauere Benennung der gesamten relevanten Lexik und relevanter morphosyntaktischer Strukturen als erforderlich erachtet, um systematisch zum Ausbau bildungssprachlicher Kompetenzen sowie zu fachlicher und fachübergreifender Sprachhandlungsfähigkeit beizutragen.

Literatur

LiteraturTajmel, T. (2017).Naturwissenschaftliche Bildung in der Migrationsgesellschaft. Grundzüge einer Reflexiven Physikdidaktik und kritischen Sprachbewusstheit.Wiesbaden: Springer VS.
Tajmel, T. & HägiMead, S. (2017). Sprachbewusste Unterrichtsplanung. Prinzipien, Methoden und Beispiele für die Umsetzung. FörMig Material, 9. Band. Münster & New York: Waxmann.

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