Thorsten Roelcke (2019)

Fachsprache

(Verbale und nonverbale) Kommunikation in spezialisierten menschlichen Tätigkeitsbereichen.

1. Darstellung der Forschungsdiskussion zum Begriff „Fachsprache“

Die moderne Forschungsdiskussion ist im deutschsprachigen Raum seit den 1930er Jahren historisch und systematisch im Wesentlichen durch drei verschiedene Konzeptionen geprägt. 1) Im Rahmen eines systemlinguistischen Inventarmodells (seit etwa 1930 bis heute) werden Fachsprachen als Zeichensysteme aufgefasst, die als eigene sprachliche Varietäten oder Register von dem System der Allgemein- oder Alltagssprache sowie der sog. Bildungssprache zu unterscheiden sind. Wichtige Charakteristika von Fachsprachen sind hiernach terminologische Exaktheit und Eindeutigkeit sowie syntaktische und textuelle Explizitheit und Komplexität. Das systemlinguistische Modell findet insbesondere in der Terminologiearbeit sowie in der terminologischen Lexikografie und Normung (etwa des Deutschen Instituts für Normung e.V. , DIN) Berücksichtigung und prägt nicht zuletzt auch alltagsnahe Vorstellungen von fachlicher Kommunikation bis in die Gegenwart. 2) Demgegenüber werden Fachsprachen auf der Grundlage eines pragmalinguistischen Kontextmodells (seit den 1990er Jahren bis heute) als schriftliche oder mündliche Textäußerungen verstanden und in ihren konkreten Verwendungszusammenhängen untersucht. Dabei erweisen sich Exaktheit und Eindeutigkeit sowie Explizitheit und Komplexität nicht als absolute, sondern als relative Eigenschaften von Fachsprachen, die es zudem auch inter-, wenn nicht gar transdisziplinär – etwa im Rahmen von soziologischen, psychologischen, medien- oder kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen – zu untersuchen gilt. Die erhöhte Genauigkeit in der Beschreibung, die Erfassung von kommunikativen Vorgängen und die Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen stellen gegenüber systemlinguistischen Ansätzen einen erheblichen Fortschritt dar, sind jedoch auch mit zunehmenden Abgrenzungsschwierigkeiten der Fachsprachenforschung gegenüber anderen Disziplinen verbunden. Das pragmalinguistische Modell hat als Basis zahlreicher fachsprachendidaktischer Ansätze sowie als wichtiger Ausgangspunkt einer Angewandten Linguistik (verstanden als Disziplin, welche fachkommunikative Probleme im Sinne sprachlicher Effizienz zu lösen versucht) zu gelten. 3) Die jüngste Konzeption stellt schließlich das kognitionslinguistische Funktionsmodell (seit den 1990er Jahren bis heute) dar. Es stellt neben dem menschlichen Wissen und dessen Verarbeitung selbst bestimmte fachkommunikative Funktionen wie Abstraktion und Konkretisation, Assoziation und Dissoziation sowie den interiorisierenden und den exteriorisierenden Transfer von Wissen in das Zentrum des wissenschaftlichen Interesses. Dabei erfahren kommunikative Funktionen wie etwa Exaktheit und Eindeutigkeit, aber auch Deutlichkeit, Verständlichkeit oder Ökonomie eine neuartige Einschätzung, die derjenigen aus der Sicht des systemlinguistischen Modells oft diametral entgegensteht. Die kognitive Fachsprachenlinguistik ist eine noch verhältnismäßig junge Disziplin, die sich gegenüber den bereits etablierten Disziplinen der Fachsprachenlinguistik wie etwa der Terminologielehre, der Angewandten Linguistik oder der Fachsprachendidaktik noch durchzusetzen und zu bewähren hat. Insbesondere in diesem Bereich ist eine zunehmende Internationalisierung der Fachsprachenforschung zu erwarten, die neben den bestehenden nationalen Diskursen in den deutschsprachigen oder osteuropäischen Ländern sowie im angloamerikanischen, romanischen oder auch skandinavischen Raum noch immer ein wichtiges Desiderat darstellt.

2. Merkmale deutscher Fachsprachen

Als Merkmale deutscher Fachsprachen, die sowohl aus systematischer als auch aus pragmatischer oder gar kognitiver Perspektive diskutiert werden, haben insbesondere die folgenden zu gelten: a) auf lexikalischer Ebene: Bedeutungsfestlegung durch diverse Typen von Definitionen (etwa aristotelische, explikative, exemplarische, synonymische oder operationale Definition); postulierte Exaktheit sowie Eindeutigkeit gegenüber realisierter Vagheit und Mehrdeutigkeit (also Polysemie und Synonymie); Metaphorik im Rahmen spezifischer Modelle; Entlehnungen aus fremden Sprachen (insbesondere aus dem Lateinischen, Griechischen und Englischen); b) auf grammatischer Ebene: erweiterte Ausschöpfung von Wortbildungsmöglichkeiten (insbesondere Komposition, Derivation und Kürzung); erhöhte Verwendung bestimmter Formenparadigmen (unter anderem auch Passiv-, Plural und Genitivkonstruktionen); Selektion von syntaktischen Konstruktionen (etwa komplexe Attribute, Relativ- und Konjunktionalsätze, Nominalisierungen und Funktionsverbgefüge); c) auf Textebene: Eigenschaften von Textsorten (neben Kohärenz und Kohäsion auch Intentionalität, Akzeptabilität, Informativität, Situationalität sowie Intertextualität); Konventionalisierung und Normierung spezifischer Textbaupläne; erhöhtes Vorkommen von innertextlichen Verknüpfungen (Konnexion, Thema/Rhema-Gliederung, Frage/Antwort-Konstruktionen, Schlussverfahren, Rekurrenz und Isotopie); d) auf semiotischer Ebene: Entwicklung von künstlichen Ausdrücken und Formeln für Gegenstände sowie deren Eigenschaften und Relationen; Einsatz von Illustrationen in Form von Bildern oder Graphiken sowie strenge Regelung von typografischen Konventionen; e) und schließlich in pragmatischer Hinsicht: Beachtung von Writer- und Reader-Responsibility (Verantwortung des Textverstehens bei den Produzierenden bzw. bei den Rezipierenden); thematische Textorganisation, etwa durch die Formulierung von Kerngedanken (topic sentences) oder inhaltlichen Überleitungen (bridge sentences); Beziehungsarbeit innerhalb fachlicher Hierarchien (beispielsweise im Falle von Rezensionen). Diese und weitere Merkmale machen den effektiven Erwerb und den effizienten Gebrauch von Fachsprachen zu einer Herausforderung für die Kommunikation mit Deutsch als Erstsprache, aber auch und besonders mit Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache: Vor diesem Hintergrund kommt einer Fundierung der Fachsprachendidaktik durch eine problemorientierte Fachsprachenlinguistik eine ganz besondere Bedeutung zu. Derzeit bereits verhältnismäßig gut erforschte fachsprachliche Bereiche im Deutschen (zum Teil mit eigenen Diskursen in der Forschung) sind: Forschung (insbesondere wissenschaftliches Schreiben), Pflegeberufe und Medizin, Wirtschaft und Jura sowie einige technische Disziplinen.

Literatur

Arntz, R., Picht, H. & Schmitz, K.-D. (2014). Einführung in die Terminologiearbeit (7. Aufl.). Hildesheim, Zürich & New York: Olms.Fachsprache. International Journal of Specialized Communication. Vol. I (1979)ff.
Hoffmann, L., Kalverkämper, H. & Wiegand, H.E. (Hrsg.). (1989f.). Fachsprachen / Languages for Special Purposes. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft / An International Handbook of Special-Language and Terminology Research(2 Volumes). Berlin & New York: De Gruyter.
Kniffka, G. & Roelcke, Th. (2016). Fachsprachenvermittlung im Unterricht. Paderborn: Schöningh.
Roelcke, Th. (20103). Fachsprachen. Berlin: Schmidt.

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