Gabriele Kniffka (2019)

Scaffolding

 

1. Definition

Scaffolding (engl. „Gerüst“) bezeichnet allgemein die Unterstützung von Lernendenbei der Lösung von Aufgaben, die sie noch nicht selbstständig bewältigen können. Dabei handelt es sich um eine vorübergehende Unterstützung im Rahmen von Lehr- und Lernprozessen: Mit steigender Kompetenz der Lernenden wird das Scaffolding sukzessive reduziert, um schließlich völlig zu entfallen.
Das Konzept des Scaffolding hat seine Wurzeln in der soziokulturellen Theorie des russischen Psychologen Lev Vygotskij und seiner Vorstellung von der Zone der nächsten Entwicklung (Vygotskij, 1978).

2. Darstellung der Forschungsdiskussion

Die Metapher des Scaffolding wurde zuerst von Wood, Bruner und Ross 1976 zur Bezeichnung der Instruktionspraktiken verwendet, die Eltern gegenüber ihren drei- bis fünfjährigen Kindern beim Bau einer Pyramide mit Holzklötzchen einsetzten. Bruner 1978 benutzt den Begriff zur Charakterisierung der mütterlichen Sprachpraktiken in der Mutter-Kind-Interaktion (maternal scaffolding). Die Mutter reduziert die Freiheit des Kindes, indem sie seine Aufmerksamkeit auf einen handhabbaren Bereich lenkt, und stellt sprachliche Modelle und Muster zur Verfügung, die dem Kind helfen, seine Rolle im Diskurs zu erfüllen (Bruner, 1978, 254).
In jüngerer Zeit wird Scaffolding im Zusammenhang mit der Integration von sprachlichem und fachlichem Lernen im Kontext Unterricht verwendet. Ausgehend von der Annahme, dass mit jedem neuen Fachinhalt auch der Erwerb von Sprache verbunden ist, entwickelte Pauline Gibbons, zunächst für Zweitsprachenlernende, ein Konzept, nach dem diese im Regelunterricht beim Erwerb bildungs- und fachsprachlicher Strukturen und Praktiken effektiv unterstützt werden können. Scaffolding ist eine gezielte, systematische Form zur Förderung des Erwerbs sachfachlicher Literacy, die zugleich mit einem literaten Sprachausbau verbunden ist: Lernende werden darin unterstützt, sich neues konzeptuelles Fachwissen anzueignen, neue Fertigkeiten, Strategien und fachspezifische Arbeitsweisen zu entwickeln, um so letztlich zu einem vertieften Lernen zu gelangen. Vertieftes Lernen realisiert sich dann, wenn sprachliche und fachliche Inhalte integriert vermittelt werden, wenn Lernende im Fachunterricht, zunächst über die Bereitstellung sprachlicher Mittel, dazu gebracht werden, sich zunehmend selbstständig Wissen anzueignen und neu erworbene Inhalte adäquat zu verbalisieren (vgl. Meyer & Coyle, 2017).
Gibbons unterscheidet zwei Formen des Scaffolding: das curricularsystemische Scaffolding (designed-in oder macro scaffolding) und das interaktionale Scaffolding (contigent oder micro scaffolding). Ersteres bezieht sich auf die Planung von Unterricht unter Berücksichtigung der Wissensbestände und Kompetenzen der Lernenden, letzteres auf das sprachliche Verhalten von Lehrkräften in der Unterrichtsinteraktion.
Eine Unterrichtsplanung, die auf dem Scaffolding-Ansatz basiert, nimmt stets fachliche und sprachliche Ziele zugleich in den Blick und verknüpft sie in jeder Phase. Dabei finden bestimmte Prinzipien Anwendung: auf der fachinhaltlich-konzeptuellen Seite beispielsweise ein Vorgehen „vom Konkreten zum Abstrakten“ und auf der sprachlichen Seite „von der Alltagssprache zu konzeptionell schriftlichen Registern“(vgl. Kniffka & Neuer, 2017, S. 46):

Abb. 1: Beispiel Unterrichtsplanung nach Scaffolding (nach Kniffka & Neuer, 2017, S. 46)

Auf der fachlichen Ebene findet demzufolge ein sukzessiver Ausbau des Abstraktionsgrades – und ggf. der Darstellungsformen – vom praktischen Handeln bzw. der konkreten Anschauung (z.B. Experiment) zur abstrahierenden Distanz, z.B. der Rezeption eines Fachtextes im Schulbuch, statt.
Auf der sprachlichen Ebene kann die Progression von alltagssprachlich-mündlichen Varietäten zu konzeptionell schriftlichen fach- und bildungssprachlichen Varietäten angelegt werden. Mit jeder neuen fachlichen Stufe wird neues sprachliches Material eingeführt und im nächsten Schritt angewendet. Im naturwissenschaftlichen Unterricht kann der Einstieg über ein Experiment erfolgen, das die Lernenden in Partner-arbeit durchführen. Damit werden erste konzeptionelle Grundlagen geschaffen, wird Vorwissen aufgebaut. Die Lernenden tauschen sich mit den ihnen zur Verfügung ste-henden sprachlichen Mitteln über ihre Beobachtungen aus. Bei der Präsentation der Ergebnisse im Plenum, die bereits ein gewisses Maß an DeKontextualisierung mit sich bringt, werden seitens der Lehrkraft diejenigen sprachlichen Mittel zur Verfügung gestellt, die benötigt werden, um die geforderte fach-/bildungssprachliche Handlung auszuführen.
Bei dieser Art der Unterrichtsinteraktion handelt es sich um interaktionales Scaffolding, d.h. ein Verfahren des contigent oder micro scaffolding. Es ist durch micromode shifting gekennzeichnet, also durch einen Wechsel des sprachlichen Registers: Lernenden-Äußerungen mit alltagssprachlichen Oberflächenmerkmalen beispielsweise werden von der Lehrkraft in fachsprachlich angemessene Äußerungen überführt, i.e. fach-/bildungssprachlich rekodiert. Neben der Rekodierung zählen das Explizit-Machen von fach-/bildungssprachlichen Registern oder lehrergestütztes Berichten zu den Verfahren des micromode shifting.
In einigen Konzepten (z.B SIOP) wird der Begriff Scaffolding ausschließlich für das interaktionale Scaffolding verwendet.

Literatur

Bruner, J. (1978). The Role of Dialogue in Language Acquisition. In A. Sinclair, R.J. Jarvella & W.J.M. Levelt (eds.), The Child’s Conception of Language(S.241–256). Berlin & New York: Springe
Gibbons, P. (20152). Scaffolding Language, Scaffolding Learning. Portsmouth NH: Heinemann.
Kniffka, G. & Neuer, B. (2017). Sprachliche Anforderungen in der Schule. In H. Günther, G. Kniffka, G. Knoop & Th. Riecke-Baulecke (Hrsg.), Basiswissen Lehrerbildung: DaZ unterrichten (S. 37–49). Seelze: Klett-Kallmeyer.
Kniffka, G. & Roelcke, Th. (2016). Fachsprachenvermittlung im Unterricht. Paderborn: Schöningh.
Meyer, O. & Coyle, D. (2017). Pluriliteracies Teaching for Learning: conceptualizing progression for deeper learning in literacies development. European Journal of Applied Linguistics 2017, 5 (2), 199–222.
Vygotskij, L. (1978). Mind in society: The development of higher psychological processes. Cambridge, MA: Havard University Press.
Wood, D.J., Bruner, J.S. & Ross, G. (1976). The role of tutoring in problem solving. Journal of Child Psychiatry and Psychology, 17 (2), 89–100.

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