Melanie Beese (2019)

Sheltered Instruction Observation Protocol (SIOP) –

ein Modell zum integrierten Fach- und Sprachenlernen in allen Fächern mit besonderem Fokus auf Zweitsprachenlernende

 

1. Ziele des SIOP-Modells

SIOP ist ein Konzept zum integrierten Fach- und Sprachenlernen aus den USA. Es ist ein umfassendes und detailliertes Modell zur Unterrichtsplanung, -gestaltung und -evaluation in allen Fächern. Ziel ist die aufgaben- und lernzielorientierte Vermittlung der Lehrplaninhalte bei gleichzeitiger Entwicklung fachlicher Sprachkenntnisse.
SIOP-basierter Unterricht richtet sich insbesondere an Schüler(innen), für die die Unterrichtssprache nicht Erst-, sondern Zweitsprache ist. Sie sollen im Fachunterricht gezielte Förderung zur Ausbildung allgemein- und fachsprachlicher Fertigkeiten erhalten. Denn dies ist eine wesentliche Basis, um fachliches Wissen erwerben und fachliche Kompetenzen angemessen entwickeln zu können.

2. Die acht Komponenten von SIOP

Grundlage des Unterrichts ist das Sheltered Instruction Observation Protocol. Dabei handelt es sich um einen Kriterienkatalog, bestehend aus acht Komponenten mit insgesamt 30 Unterpunkten. Er soll den Lehrenden ermöglichen, ihren Unterricht unter Berücksichtigung der fachlichen und sprachlichen Lernziele inhaltlich wie methodisch angemessen zu planen. Das Protokoll kann ebenfalls zur Unterrichtsevaluation verwendet werden.
Die acht Komponenten sind allgemeine Kategorien der Unterrichtsplanung und -evaluation. Die 30 Unterpunkte schlüsseln auf, wie sich die Förderung sprachlicher Lernziele im Rahmen dieser allgemeinen Unterrichtsplanung umsetzen lässt.
So werden bei der Komponente „Unterrichtsvorbereitung“ unter anderem der Unterpunkt „Festlegung passender und angemessener sprachlicher Lernziele mit klarer Outputorientierung auf den Ebenen Schlüsselwortschatz, grammatische und sprachliche Strukturen, fachliche Diskursfunktionen oder Sprachlernstrategien in den Bereichen Hören, Sprechen, Lesen oder Schreiben“, der Unterpunkt „Einbindung zusätzlicher nicht-sprachlicher und sprachlicher Lernmaterialien, die Zweitsprachenlerner(innen), aber auch verschiedene Lerntypen beim Aufbau von Verständnis unterstützen“ und der Unterpunkt „Anpassung des sprachlichen Lernmaterials an das Kompetenzniveau durch Textveränderung und v.a. durch Hilfen zur Texterschließung“ aufgeführt.
Bei der Komponente „Strategien“ findet sich der Unterpunkt „Konsequentes Nutzen von Scaffolding-Techniken auf inhaltlicher und v.a. sprachlicher Ebene“, bei der Komponente „Interaktion“ der Unterpunkt „Bereitstellung von Zeit und Material, um den Schüler(innen) das Klären von Schlüsselkonzepten in ihrer Erstsprache zu ermöglichen“. Im Bereich der „Anwendung“ wird zum Beispiel explizit auf die „Entwicklung von Aufgaben, die Teilkompetenzen aus allen vier Bereichen Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen im fachlichen Kontext entwickeln“, verwiesen. Und bei der Komponente „Wiederholung und Leistungskontrolle“ wird nicht zuletzt in einem Unterpunkt gefordert, den Lernerfolg sowohl hinsichtlich der fachlichen wie auch der sprachlichen Lernziele zu überprüfen, „wobei beide Bereiche gesondert gewertet werden.“
Jeder einzelne Unterpunkt wird im Rahmen des SIOP-Modells ausführlich beschrieben und konkretisiert.

3. Kritische Würdigung

Das SIOP-Modell ist eine Form, wie die Integration von Sprachförderung in den Fachunterricht systematisch erfolgen kann. Der große Vorteil des SIOP-Modells liegt dabei in seiner Praxisorientierung. Lehrer(innen) erhalten klar strukturierte Protokolle zur Planung ihres Unterrichts. Die Protokolle sind auf der einen Seite detailliert und konkret, auf der anderen Seite für alle Fächer und Unterrichtseinheiten anwendbar. Dies ermöglicht eine durchgängige und strukturierte Berücksichtigung der sprachlichen Kompetenzentwicklung über alle Fächer und Schulstufen hinweg.
Damit setzt SIOP an der grundlegenden Problematik von sprachlicher Förderung an. Denn diese kann nur dann erfolgreich sein, wenn Stück für Stück sinnvoll und systematisch sprachliche Fähigkeiten aufgebaut werden. Dies erfordert eine Unterrichtsplanung, die nicht ab und zu, sondern in ihrer grundsätzlichen Anlage sprachliche Kompetenzentwicklung im Fachunterricht berücksichtigt.
SIOP hilft dabei, Unterricht sprachfördernd zu planen und umzusetzen. Das hierfür notwendige Wissen (Schwierigkeits- und Kompetenzbereiche der eigenen Fachsprache, Kenntnis von sprachfördernden Lernstrategien auf verschiedenen Ebenen) müssen die Lehrer(innen) vorher selber erwerben. SIOP kann daher nur funktionieren, wenn es in ein Programm systematischer Aus- und Fortbildung von Lehrkräften aller Fächer eingebettet ist.
Die Schwäche des SIOP-Modells besteht darin, dass es sehr stark auf konzept- und kompetenzorientiertem, aufgaben- und anwendungsorientiertem Lernen basiert.Zwangsläufig geraten andere pädagogische und didaktische Vorstellungen samt ihrer Herangehensweise an den Unterricht in den Hintergrund. Dabei bieten auch andere Unterrichtsansätze großes Potential zur Sprachförderung. Daher sollte SIOP grundsätzlich nur als eines von mehreren möglichen Konzepten zur Sprachförderung eingesetzt werden.

Literatur

Echevarria, J., Vogt, M. & Short, D.J. (20134). Making content comprehensible for English learners: The SIOP model. Boston: Pearson Education.
Echevarria, J., Vogt, M. & Short, D.J. (20183). Making Content Comprehensible for Elementary English Learners: The SIOP Model. Boston: Pearson Education.
Rodney, L.B. (2011). Sheltered Instruction. A Case Study of Three High School English Teachers‘ Experiences with the SIOP Model. Denton: University of North Texas.
Crawford, J. & Reyes, A. (2015):The Trouble with SIOP®: How a Behaviorist Framework, Flawed Research, and Clever Marketing Have Come to Define – and Diminish – Sheltered Instruction. Portland:Institute for Language & Education Policy.
Vidot, J.L. (2011): The Efficacy of Sheltered Instruction Observation Protocol (SIOP) in Mathematics Instruction on English Language Learner Students. Minneapolis: Walden University.

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